 |

Surfboards - Wer die
Wahl hat, hat die Qual
von Norbert Hoischen
 |
Tracks, das älteste Surfmagazin
Australiens veröffentlichte in einer alten Aprilausgabe aus dem
Jahre 1996 ein provozierendes Statement des international anerkannten
Shapers Geoff McCoy: 90 % aller Surfer fahren das falsche Brett.
McCoy, von dem Vierfach-Weltmeister Mark Richards behauptet, er habe
vielleicht mehr über das Shapen vergessen, als die meisten Surfbrettbauer
jemals wissen werden, entfachte mit seiner Behauptung eine hitzige
Debatte um die altbekannte Frage: Wie groß muss das Surfboard
sein, damit man maximalen Spaß beim Wellenreiten hat?- eine
Fragestellung, die besonders beim Einstieg in diesen Sport von größter
Bedeutung ist. |
Der Hang zum kleinen Brett ist auch unter Anfängern
anzutreffen. Vielleicht ist es ein Ausdruck von Ungeduld oder auch nur
der Wunsch, es dem Profi gleichzutun. Kleine Bretter passen sich besser
dem engen Wellenüberschlag an. Sie sind leichter zu steuern, verlieren
aber auch schneller an Geschwindigkeit. Um Speed zu erzeugen muss man
sich immer wieder mit viel Geschick in den steilsten Teil der Welle zurückbewegen
können - radikale Turns auf engem Raum, Bewegungsübergänge
ohne Geschwindigkeitsverlust mit extremem Balanciervermögen. Es ist
die Bewunderung dieser 'Shortboard-Artisten', die das "Minibrett"
zum Statussymbol erhebt. Der Anfänger jedoch läuft hiermit in
eine Sackgasse. Surfen lernt man nur durch Surfen. Wer schneller herausfinden
will, wie man freihändig stehend an der Wellenwand entlangkommt,
brauch ein Brett mit vernünftiger Länge. Erfahrungszeit für
Fußsohlen ist gefragt - sonst nichts.
 |
Große, schwere Leute, das weiß
mittlerweile jeder, brauchen volumige Bretter. Manche denken da an
einen Sinker, so ein kleines Windsurfbrett, was allerdings keine gute
Idee ist. Windsurfboards sind als Anfängermaterial ungeeignet.
Mit ihrer ungünstigen Volumenverteilung, klobigen und schnell
unterschneidenden Railformen führen sie zu gefährlichen
Wipe-Outs, die nicht selten mit Platzwunden enden. Ein 1,80 Meter
großer und 80 Kg schwerer Surfanfänger brauch ein Board
um die 7´6 (7 Fuß-6 Inch = 2,30 m).
Da zu Anfang viel im Weißwasser geübt wird, sollte das
Brett an seiner breitesten Stelle auch zwischen 53 und 55 cm aufweisen,
die Brettdicke liegt um 6,5 cm. Um das Anstarten und die ersten Aufstehübungen
zu erleichtern empfielt sich ein "Minimalibu" (abgeleitet
von der in der Region Malibu/Californien Mitte der Fünfziger
Jahre benutzten Brettmodelle). Auf Grund seiner breiten, runden Brettnase
wird es von der Welle leichter aufgenommen und die günstigere
Volumenverteilung zu den Rails hin erhöht die Kippstabilität.
Ist das Board zudem noch aus Polyethylen, einem geschlossenporigen
Softfoam, dann ist das Verletzungsrisiko gleich Null. |
Das erste Brett- ein Schulungsboard
Anfänger/innen können mit Schulungsboards aus Polyethylen angstfreier
üben und machen gewöhnlich in kürzester Zeit gute Fortschritte.
Bereits nach 1 Woche kann sich herausstellen, daß der Umstieg auf
ein gleichlanges "Hartboard" aus Polyester oder Epoxyd angesagt
ist. Sind nach weiterem Üben das Anstarten und Aufstehen in der grünen,
ungebrochenen Welle kein Problem mehr, darf das Brett etwas kürzer
und (für die beabsichtigte Parallelfahrt an der Wellenwand) von der
Kantenformung her auch schärfer werden.
 |
Verbesserungen in der Anstarttechnik, gute Wellenauswahl und die
Steigerung des Balancegefühls legen eventuell sogar den Wechsel
von einem Minimalibu zum Fun- oder Shortboard nahe.
Zu diesem Zeitpunkt kommt vielen Anfänger/innen der Gedanke
von einem eigenen Brett in den Kopf. Leider führen Ungeduld
und Sebstüberschätzung hierbei nicht selten zur falschen
Kaufentscheidung. Der Sprung von einem 7`6 Minimalibu zum 6`10 Polyester-Shortboard
ist in der Regel in 14 Tagen nicht zu schaffen und für den
Umsteiger ist es frustrierend, wenn von einem Tag auf den anderen
nichts mehr klappt.
|
|
Die ersten Bretter eines Anfängers sollten sich immer leicht
paddeln lassen. Optimal ist der oben beschriebene sanfte Übergang
auf kleinere Brettformen. Jeder Wechsel bedeutet Umstellung auf
den geringeren Brettauftrieb und macht Paddeln und Anstarten nicht
gerade leichter. Grundsätzlich sind Brettwechsel für Anfänger
nicht schlecht, weil hiermit die Feinmotorik stärker gefordert
wird. Jedes Brett läuft etwas anders und unterschiedliche Gleiterfahrungen
lassen den/die Anfängersurfer/in schneller lernen. Nur zu klein
darf die PLanke nicht sein. Wenn es also mit dem kleineren Brett
über längere Zeit mal nicht mehr läuft, geht man
eben wieder zurück auf das Größere.
Das hört sich nun so an, als müßte man sich zu
Anfang gleich drei unterschiedliche Bretter zulegen um optimale
Fortschritte beim Wellenreiten zu machen. Wer kann sich das schon
leisten, zumal man aus den `ganz frühen Boards` möglicherweise
schon nach der ersten Saison `herausgewachsen` ist.
|
 |
Den besten und kostengünstigsten Einstieg ins
Wellenreiten findet man in einer gut ausgerüsteten Surfschule,
die einem anbietet, unterschiedliche Brettformen zu testen, wann immer
dieses dem Lernfortschritt förderlich ist.
Die Form eines Wellenreitbrettes läßt sich mit 5 Maßangaben
festlegen, die meistens auf den Boards in englischen Inches angegeben
sind. (1 foot = 30,5 cm = 12 Inch; 1 Inch = 2,54 cm)
a) Brettlänge
b) 1 foot off nose (Breite des Brettes nach 30,5 cm von der Nase aus gemessen.
c) Brettbreite (breiteste Stelle)
d) 1 foot off tail (Breite nach 30,5 cm vom Brettschwanz aus gemessen.
e) Brettdicke (gemessen an der maximalen Stringerhöhe)
Die 1-foot-off-Maße sagen viel über die Nasen- und Heckbreite
(tail) aus. Minimalibus und Funboards sind vorne weiter ausladend, haben
also größere Werte. Breitere Heckformen finden wir bei Brettern
mit Square-, Squash oder auch Roundtails, die anfängertauglicher
sind als Pintails.
Checkpunkte für ein neues Brett:
Wie sind die Rails geformt?
Wellenreitbretter vertragen keine "Windsurf-Rails". Dein Brett
kann 7 cm dick sein und trotzdem schlanke Kanten haben. Zu runde, boxige
rails fördern den 'Spin Out', das seitliche Wegrutschen des Brettes
an der Wellenwand. Das Geschick der Brettbauer kommt besonders im Railshape
zum Ausdruck - volumige Surfboards brauchen keine klobigen Rails zu haben.
Die Kantenformung zum Heck hin kann etwas schärfer werden, weil das
Brett 'besser schneidet' und in den 'Turns' 'spurtreu' bleibt. Vorsicht:
Zu dünne, scharfe Brettkanten 'verschneiden' gerne.
Ist das Laminat dick genug?
Kauf dir kein "Einwegboard". Gewöhnlich werden unten 1
und oben 2 Mattenlagen mit Harz aufgelegt, wobei Mattendichte und -dicke
unterschiedlich sein können. (Gewicht zwischen 4 und 6 Unzen/qm,
1Unze = ca. 30 g) Die Lagen sollten an den Brettkanten überlappend
laminiert sein, sodaß die Rails mit einer Dreifachbeschichtung versehen
sind. Das macht die Kanten weniger empfindlich und gibt dem Brett insgesamt
mehr Längsstabilität. Ein großes Brett kann, wenn es Druck-
und Zugbelastungen unbeschadet überdauern sol, kein 'Fliegengewicht'
sein. Das bedeutet, daß beim Laminieren genügend Harzanteile
in der Beschichtung verbleiben, was das Brett natürlich etwas schwerer
macht. Epoxydharzen wird eine höhere Belastbarkeit zugesprochen als
dem Polyester. Sie können also etwas leichter gebaut werden. Verstärkungen
mit Kohlefasern (Kevlar) bringen ebenfalls bessere Belastungswerte, werden
aus Kostengründen allerdings nur sehr sparsam gegen Durchbrüche
in Stringernähe eingesetzt. Eine komplette, schwarze Kevlarbeschichtung
wäre auch problematisch, weil das Brett so in der Sonne zu stark
aufheizt und am Schaumkern Schaden nehmen kann. Ein Anfängerbrett
darf ruhig stabiler und damit auch schwerer sein. Die Beschichtung sollte
einem normalen Fingerdruck standhalten können. Je weniger es verbeult
oder delaminiert (ablösen der Deckschicht vom Kern), desto höher
bleibt sein Wiederverkaufswert. Guterhaltene Anfängerboards verlieren
nach einer Saison nicht mal 30% ihres Neupreises!
Wie ist die Finnen-Ausstattung?
Der Thruster, das Brett mit drei Finnen ist mittlerweile Standard. Die
alte Monofinne ist für den Anfang genausogut. Wenn Flugreisen geplant
sind, dann wären herausnehmbare Finnen sinnvoll. Trotz der üblichen
"Fragile-Beschriftungen" geht das Flughafenpersonal nicht zimperlich
mit Boardbags um. Die im Windsurfen gebräuchlichen Schraubfinnen-Sets
mit ihren offenen Finnenkästen können, obwohl sie leichte Verwirbelungen
an den Öffnungen erzeugen, ohne Bedenken auch für Wellenreit-Anfängerboards
verwendet werden. Daszur Zeit wohl beste herausnehmbare Finnensystem ist
das FCS (Fin Control System) von Gorilla Grip. Es ist stabil, weil die
Finplugs (Eisatzschächte für Finnensockel) durch den Schaumkern
hindurch mit dem Decklaminat verbunden sind. Ein ungewolltes Herausfallen
der Finnen wird mit einer winzigen Imbusschraube verhindert. Fest auflaminierte
Finnen sollten einen soliden Laminatsockel vorweisen können. Ist
dieser zu dünn oder nicht weit genug nach oben gezogen worden, brechen
die Finnen schneller ab.
Ist das Leashplug stabil?
Leashplugs mit dem Anknüpfungssteg für die Fangleine müssen
tief genug eingesetzt sein. Ist der obere Plastikrand zu weit runtergeschliffen,
kann der Eisensteg in einer großen Welle schon mal herausreißen.
Eine gute Idee ist das Ofish`l - Leashplug. Der Plugkern ist herausnehmbar
und gibt somit eine Öffnung für die Diebstahlsicherung frei.
Welche Fangleine?
Im Gegensatz zu den Finnen ist das Leash normalerweise im Kaufpreis nicht
enthalten. Es gibt sehr unterschiedliche Ausführungen. Sogenannte
Wettkampfleashes sind dünner, weil der Wasserwiderstand der Polyethylenschnur
möglichst gering ausfallen soll - ungeeignet für Anfängerboards!
Für Bretter über 8 Fuß sollte man Longboardleashes nehmen,
die für den Einsteiger nicht länger als das Brett selbst sein
brauchen. Bei einem 7`6 Minimalibu kommt man mit einem Standardleash aus.
Auf keinen Fall sollte ein Drehgelenk fehlen, daß dem Verwickeln
der Leine nach Stürzen entgegenwirkt. Der Railschoner (Stoffstreifen
am unteren Leashende) und ein kräftiger, breiter Klettverschluß
mit Neoprenpolsterung sind selbstverständlich. Kommt ein doppelt
sicherer Sandwichverschluß in Frage, dann sollte man testen, ob
er das Fußgelenk eng genug umschließt. Eventuelle Schnurverbindungen
an den Übergängen sollten bei Verschleiß ausgetauscht
werden können.
Zuguterletzt noch einen Rat: Quäl dich nicht zu lange mit den Fragen
um das optimale Surfbrett. Das absolute Board für alle Ansprüche
und Bedingungen gibt es nicht; denn alle Variablen, die für Spaß
und Lernerfolg maßgeblich sind, können sich tagtäglich
ändern. Genauso wie die Wellen, bist auch du nicht jeden Tag der/die
gleiche.
Erst vor kurzem war ich in Südkalifornien und habe mich in vielen
Läden nach den neusten Shapes umgeschaut. In Gesprächen, wo
es um die Bretter für das 'just-for-fun-surfing' ging war die Begründung
für das 'größere Brett' platt und einfach: "You catch
more waves with a bigger board". - Na, dann kann`s ja losgehen!
Tips für den Gang in den Surfshop:
• Bevorzuge Läden, deren Leute selber wellenreiten und die
eine gewisse Auswahl unterschiedlicher Brettmodelle bieten.
• Frage nach anfängertauglichen Surfboards und lass dir entsprechende
Informationen dazu geben. Wenn der Verkäufer dir nicht erklären
kann, was du selbst schon weißt, wechsle den Laden.
• Frage vorher, wenn du das Brett deiner Wahl in die Hand nehmen
möchtest. Frage nach der Stabilität und mache vorsichtig einen
Fingerdrucktest am Rail in der Brettmitte.
• Bevorzuge matt geschliffene Brettoberflächen. Erstens sind
die häufig stabiler und auf Grund der Rauhigkeit auch schneller.
(Der daraus resultierende günstigere Wasserabriß ist allerdings
bei einem Einsteigerbrett nicht von großem Belang). Zweitens ist
das Brett preiswerter in der Produktion, da das Hochpolieren mit Schleifpaste
entfällt. Glänzende Bretter bringen im Trockenen die Farbdesigns
besser heraus. Im Wasser jedoch sind die Mattschliffe genau so brilliant.
• Laß dir keine 'Gun' aufschwatzen. Guns sind lange Bretter
für hohe Wellen. Sie sind schmaler gebaut und entwickeln deswegen
höhere Laufgeschwindigkeiten. Wegen ihrer geringeren Kippstabilität
sind sie für das Anfängertraining jedoch weniger geeignet.
• Laß die Finger von einem echten Longboard (9 Fuß =
2,76 m). Longboards starten zwar leichter an und bieten auch eine sehr
stabile Gleitunterlagen. Bei Stürzen allerdings sind sie um so gefährlicher.
Durch ihr höheres Gewicht und ein größeres Volumen lassen
sie sich schlechter handhaben und reagieren viel träger als Minimalibus.
In Körpernähe stellen sie ein echtes Verletzungsrisiko für
den Ungeübten dar.
Ein wenig Historie
Die Entwicklung im Surfboarddesigns kam erst vor ca 80 Jahren in Gang,
eine kurze Zeitspanne wenn man bedenkt daß die Polinesier schon
vor über 1000 Jahren in der Meeresbrandung herumtobten. Noch bis
nach der Jahrhundertwende wurde auf Hawaii mit bis zu 4 Meter langen Massivholzplanken
gesurft und es dauerte dann fast weitere 20 Jahre bis der der Californier
Tom Blake das erste Hohlbrett baute. Mit Balsaholz in den Dreißigern
wurden die Bretter erheblich leichter. Kürzere, auftriebstärkere
Modelle kamen auf den Markt und zusammen mit der Erfindung der Surfbrettfinne
wandelten sich auch die Fahrgewohnheiten. Eine Revolution brachte die
Entdeckung der Kunstschäume und der Polyesterharze für den Brettbau
der späten vierziger Jahren. Seitdem wurden die Surfboards immer
kürzer. Neue Brettformen waren immer ein Versuch, Wellen auf noch
unbekannte Art und Weisen zu meistern, enger am Umschlagpunkt , mit radikaleren
Manövern oder in der Tube. Als Vorbilder galten den Surfenthusiasten
schon immer die Wettkampfsurfer. Bei den Profis konnte man sehen, was
"up to date" war, die Manöver, der Fahrstil, die Brettformen,-
in den Surfing Sixteeth wie auch heute noch.
Als man Anfang der achziger Jahre die ersten 5-Fuß-Boards sah, war
der Trend zum "je kleiner desto radikaler"erst einmal gestoppt.
Die Allgemeinheit hatte diese Entwicklung bewegungstechnisch schon längst
nicht mehr nachvollziehen können.
Surfen und Umwelt
Die Produktion von Surfequipment ist eine "giftige Angelegenheit".
Beim Aufschäumen der Blanks (Kernmaterial aus Polyurethan) entweichen
chemische Gase. Zwar werden nach Auskunft des weltweit größten
Herstellers "Clark" in Californien heute bei der Produktion
von Rohblanks keine FCKW-haltigen Treibmittel mehr verwendet. Schaut man
sich jedoch die Produktionshallen mit den riesigen Absauganlagen an, dann
mag man nicht glauben, daß hier nur 'warme Luft' in die Höhe
gezogen wird. Die größte Umweltbelastung bei der Surfbrettproduktion
entsteht beim Laminieren mit den Kunstharzen. Bei Polyesterharzen werden
mit den hochgiftigen Styroldämpfen bis zu 20% der Harzmenge in die
Luft freigesetzt. Epoxydharze sind weniger 'flüchtig'. Man kann sie
nicht so stark riechen, was sie allerdings um so gefährlicher macht.
Krankheitsbilder ohne direkt erklärbare Hintergründe, sogenannte
'Syndrome' (Herzinsufizienzen, Nervenschäden, Allergien, Hautkrankheiten),
können unverhofft nach Jahren der Arbeit mit diesem Stoff auftauchen
.
In Californien baut die Firma 'Fokus' recyclebare Surfboards, bei deren
Produktion ein spezieller Epoxydharz verwendet wird, der weniger als 2%
seiner Substanz an die Atmosphäre abgibt. Weltweit werden jählich
fast 1 Million Surfbretter gebaut. Die Entsorgung alter, unbrauchbarer
Boards stellt ein völlig ungelöstes Problem dar. Dem Natursport
Wellenreiten stünde es gut zu Gesicht, wenn das Material entgegen
aller "Wegwerf-Mentalität" für eine längere Nutzungsdauer
ausgelegt wäre.
zurück
|
|